Die Youngsche Gleichung beschreibt in der Grenzflächen- und Oberflächenchemie das thermodynamische Gleichgewicht an einem Dreiphasenkontakt aus Festkörper, Flüssigkeit und Gas. Sie verknüpft den Kontaktwinkel eines Flüssigkeitstropfens auf einer festen Oberfläche mit der Oberflächenenergie des Festkörpers, der Grenzflächenspannung zwischen Festkörper und Flüssigkeit sowie der Oberflächenspannung der Flüssigkeit. Mathematisch lautet die Beziehung γ_LG · cos θ = γ_SG − γ_SL, wobei θ den messbaren Kontaktwinkel bezeichnet.
Die Gleichung gilt für ideale, glatte und chemisch homogene Festkörperoberflächen in Kombination mit reinen Flüssigkeiten. In der Praxis wird der Kontaktwinkel einer definierten Testflüssigkeit auf der zu untersuchenden Oberfläche gemessen. Aus diesem Winkel lässt sich mithilfe der Youngschen Gleichung die freie Oberflächenenergie des Festkörpers ableiten. Für eine genauere Aufteilung in polare und disperse Anteile der Oberflächenenergie kommen erweiterte Auswertungsmodelle zum Einsatz, etwa das Modell nach Owens und Wendt. Die Youngsche Gleichung bildet dabei die fundamentale Grundlage, auf der solche Messverfahren und Berechnungsmodelle aufbauen.
Im Etikettendruck spielt die Youngsche Gleichung keine direkte Rolle als Druckverfahren, ist aber ein zentrales Werkzeug zur Beurteilung der Benetzbarkeit von Substratoberflächen. Druckfarben, Lacke, Primer und Haftklebstoffe müssen eine Oberfläche ausreichend benetzen, damit sie haften und gleichmäßig auftragen können. Ob das gelingt, hängt maßgeblich von der Oberflächenenergie des Trägermaterials ab. Besonders bei Kunststofffolien, beschichteten Papieren und anderen Etikettenmaterialien mit niedrigerer Oberflächenenergie entscheidet dieser Kennwert darüber, ob Farbe, Lack oder Klebstoff verlässlich haften oder abstoßend wirken. Durch Kontaktwinkelmessungen auf Basis der Youngschen Gleichung lässt sich die Benetzbarkeit solcher Materialien objektiv charakterisieren und bewerten.
Für Etikettenhersteller ergibt sich daraus ein konkreter Nutzen bei der Materialauswahl, bei der Entwicklung von Vorbehandlungsverfahren wie Coronabehandlung oder Primerauftrag sowie bei der Qualitätskontrolle von Beschichtungsprozessen. Kontaktwinkelmessungen liefern dabei reproduzierbare Kennwerte, die zeigen, ob eine Oberfläche die notwendige Benetzbarkeit für den jeweiligen Prozessschritt erreicht. Für Etikettenkäufer bedeutet das mittelbar, dass Bedruckbarkeit und Klebbarkeit eines Etikettenmaterials von der Oberflächencharakteristik abhängen, die sich über die Youngsche Gleichung indirekt beschreiben und prüfen lässt. Ein Etikett, das auf dem Druckbogen gut aussieht, kann auf einem Substrat mit ungeeigneter Oberflächenenergie im Anwendungsfall versagen – ein Risiko, das durch entsprechende Oberflächenanalysen frühzeitig erkannt werden kann.