Oxidationstrocknung bezeichnet in der Druck- und Beschichtungstechnik die chemische Härtung von Farb- oder Lackfilmen durch die Aufnahme von Sauerstoff aus der umgebenden Luft. Dabei vernetzen sich die Bindemittelmoleküle des Beschichtungsmaterials mithilfe von Luftsauerstoff als Reaktionspartner miteinander, sodass ein fester, dauerhafter Film entsteht. Sie gehört damit zur Gruppe der chemischen Trocknungsverfahren und unterscheidet sich grundlegend von der physikalischen Trocknung, bei der lediglich flüchtige Bestandteile wie Lösemittel verdunsten, ohne dass eine chemische Reaktion im Bindemittel stattfindet. Normativ wird die Oxidationstrocknung in der DIN 55945 als eine von mehreren Trocknungsarten eingeordnet.
Technisch läuft der Prozess in zwei Phasen ab: Zunächst können flüchtige Anteile aus dem Farbfilm entweichen, bevor die eigentliche oxidative Vernetzung der Bindemittelmoleküle einsetzt. Typische Materialien, bei denen dieses Prinzip zur Anwendung kommt, sind Öle, Alkydharzlacke und bestimmte Offsetdruckfarben. Um die Reaktion zu beschleunigen, werden den Farb- und Lacksystemen sogenannte Sikkative zugesetzt – metallorganische Verbindungen auf Basis von Kobalt-, Blei- oder Mangansalzen, die die Sauerstoffaufnahme der Bindemittel gezielt fördern. Die Trocknungsgeschwindigkeit hängt dabei von mehreren Faktoren ab: Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Schichtstärke und Belüftung des Trocknungsbereichs spielen alle eine messbare Rolle. Je nach Farbtyp und Bedruckstoff kann die vollständige oxidative Härtung mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Das Ergebnis ist ein nagelharter, scheuerfester Druckfarbenfilm.
Im Etikettendruck ist die Oxidationstrocknung vor allem beim Offsetdruck auf Folienmaterialien relevant. Auf solchen nicht saugenden Bedruckstoffen kann Druckfarbe weder durch Wegschlagen in den Untergrund noch durch schnelle Lösemittelverdunstung trocknen – die Härtung erfolgt dort ausschließlich chemisch durch Oxidation. Das hat direkte Konsequenzen für die Produktion: Etikettenhersteller müssen die verhältnismäßig langen Trocknungszeiten in ihre Prozessplanung einkalkulieren und können diese durch den Einsatz geeigneter Sikkative sowie durch kontrollierte Umgebungsbedingungen beeinflussen. Für Etikettenanwender und -käufer bedeutet das Trocknungsprinzip, dass die Abriebfestigkeit, die Kratzbeständigkeit und damit die Haltbarkeit des fertigen Etiketts unmittelbar davon abhängen, ob und wie vollständig die oxidative Vernetzung abgeschlossen ist. Wird das Etikett zu früh weiterverarbeitet oder aufgerollt, besteht das Risiko von Abdrucken oder Beschädigungen der Druckoberfläche. Die Oxidationstrocknung ist damit kein passiver Nebeneffekt, sondern ein aktiv zu steuernder Produktionsparameter im Etikettendruck.