Verweilzeit

Verweilzeit bezeichnet im Kontext von Etikettendruck und industrieller Kennzeichnung die Zeitspanne, die ein Haftklebstoff nach dem Aufbringen auf einen Untergrund benötigt, um seine volle Haftung beziehungsweise Endklebkraft zu erreichen. Die Haftung ist unmittelbar nach der Applikation also noch nicht maximal, sondern entwickelt sich erst über einen definierten Zeitraum. Laut CCL wird die Endklebkraft bei Haftetiketten typischerweise erst nach 72 Stunden vollständig erreicht.

Technisch ist dieser Vorgang an die physikalischen und chemischen Eigenschaften des eingesetzten Klebstoffsystems gebunden. Bei Haftetiketten kommen je nach Anwendungsfall unterschiedliche Klebstoffarten zum Einsatz, darunter Acrylat, Kautschuk oder Hotmelt. Jedes dieser Systeme zeigt ein individuelles Verhalten bei der Haftungsentwicklung über die Zeit. Dabei spielen nicht nur der Klebstoff selbst, sondern auch das Etikett und die Etikettiermaschine eine Rolle: Alle drei Komponenten müssen aufeinander abgestimmt sein, damit der Etikettierprozess zuverlässig funktioniert. Änderungen an Rohstoffen können dieses abgestimmte System beeinflussen und damit auch das Verweilzeitverhalten verändern.

Für den Etikettendruck ist die Verweilzeit aus mehreren Gründen praxisrelevant. Anwender, die Haftetiketten unmittelbar nach der Applikation mechanisch belasten, etwa durch Stapeln, Versandverpackung oder Qualitätsprüfungen, riskieren, dass die Haftung noch nicht dem Endwert entspricht und es zu Ablösungen oder Schäden kommt. Hersteller von Etiketten müssen daher ihre Kunden auf dieses Verhalten hinweisen und bei der Produktauswahl berücksichtigen, unter welchen Bedingungen das Etikett direkt nach der Applikation beansprucht wird. Ein verwandter, aber davon zu unterscheidender Aspekt ist die Ablösezeit, die insbesondere bei Getränkeflaschenetiketten nach normierten Bedingungen geprüft wird. Die ISO 12632 dient hier als Prüfbasis; für Etiketten auf weißen Papieren mit üblicher Druckfarbenbelegung sowie für oberflächenveredelte oder metallisierte Etiketten wird gefordert, dass die Ablösezeit bei einer Einwirkzeit von 20 Minuten möglichst 240 Sekunden nicht überschreitet. Im Lebensmittelbereich kommt zusätzlich die Verordnung (EG) Nr. 1935/2004 zum Tragen, die verlangt, dass eingesetzte Materialien unter normalen oder vorhersehbaren Bedingungen keine gesundheitsgefährdenden oder lebensmittelverändernden Stoffe abgeben dürfen. Obwohl für Klebstoffe derzeit keine EU-Einzelmaßnahmen nach Artikel 5 dieser Verordnung vorliegen, beeinflusst sie die Auswahl konformer Materialien in der Praxis dennoch unmittelbar. Wer Etiketten beschafft oder appliziert, sollte die Verweilzeit als festen Planungsparameter im Prozess einkalkulieren.