Industrielle Kompostierung bezeichnet einen großtechnischen biologischen Abbauprozess, bei dem organische Materialien unter aktiv geregelten Bedingungen zu Kompost umgewandelt werden. Anders als beim Heimkompost herrschen in diesen Anlagen konstant hohe Temperaturen von über 55 °C, definierte Luftfeuchtigkeit und kontrollierte Belüftung, sodass der Abbau in wenigen Wochen stattfindet. Im Kontext des Etikettendrucks bezeichnet der Begriff Etikettenmaterialien, die in solchen Anlagen vollständig kompostierbar sind und dafür nach der europäischen Norm EN 13432 zertifiziert wurden.
Die Norm EN 13432 ist der verbindliche Maßstab für industrielle Kompostierbarkeit in Europa. Sie schreibt vor, dass mindestens 90 Prozent der organischen Masse innerhalb von 180 Tagen biologisch abgebaut sein müssen. Zusätzlich darf nach 12 Wochen unter industriellen Bedingungen nicht mehr als 10 Prozent der Trockenmasse auf einem Sieb mit weniger als 2 mm Maschenweite verbleiben. Ebenso sind Grenzwerte für Schwermetalle einzuhalten, und der entstehende Kompost darf keine Ökotoxizität aufweisen, was durch Pflanzenwachstumstests nachgewiesen wird. Wichtig ist dabei: Das Zertifikat wird stets für das fertige Endprodukt erteilt, nicht für einzelne Rohstoffe.
Für den Etikettendruck hat dies konkrete Konsequenzen auf Materialebene. Ein industriell kompostierbares Etikett muss aus aufeinander abgestimmten Komponenten bestehen: Das Facematerial, der Haftklebstoff und alle weiteren Bestandteile wie Druckfarben und Additive müssen gemeinsam die EN-13432-Anforderungen erfüllen. Hersteller wie HERMA bieten dafür zertifizierte Haftverbunde an, die kompostierbare Facematerialien mit speziell formulierten Haftklebstoffen kombinieren. Fertige Etiketten, die diese Anforderungen erfüllen, dürfen das sogenannte Keimling-Zeichen tragen, ein Kennzeichen für zertifizierte industrielle Kompostierbarkeit. Zertifizierungsstellen wie DIN CERTCO oder TÜV Austria prüfen und bestätigen die Normkonformität. Die Produktion solcher Etiketten erfolgt auf konventionellen Druckmaschinen, sodass kein Umbau der Produktionsumgebung notwendig ist.
Einsatzgebiete für industriell kompostierbare Etiketten finden sich vor allem bei Lebensmittelverpackungen für Obst, Gemüse und To-go-Produkte sowie im allgemeinen Nachhaltigkeitsetikettendruck. Der entscheidende praktische Vorteil besteht darin, dass Etikett und Verpackung gemeinsam in der Kompostieranlage verarbeitet werden können, ohne dass das Etikett vor der Entsorgung abgezogen werden muss. Voraussetzung dafür ist, dass sämtliche Verpackungsbestandteile kompostierbar sind oder sich leicht trennen lassen. Für Einkäufer und Verpacker bedeutet dies, dass sie beim Einsatz kompostierbarer Primärverpackungen konsequent auf zertifizierte kompostierbare Etiketten setzen müssen, um die gesamte Verpackungslösung entsorgungskonform zu halten.