Graspapier ist ein Papierwerkstoff, bei dem ein Teil der holzbasierten Frischfasern durch Fasern aus getrocknetem Gras (Heu) ersetzt wird. Typische Mischungsverhältnisse liegen bei 30 % Grasfaser und 70 % Holzfaser oder bei einer gleichmäßigen Aufteilung von 50 % zu 50 %. Das Ergebnis ist ein Naturpapier mit rauer, grob strukturierter Oberfläche, sichtbaren Grasfasern und einem leicht gelblichen Ton.
Die Herstellung unterscheidet sich in einem wesentlichen Schritt von konventioneller Papierproduktion: Die Grasfasern werden mechanisch aufgeschlossen, ohne chemische Aufschlussverfahren. Gras wird geerntet, zu Heu getrocknet, zu Pellets verarbeitet und in der Papierfabrik in Wasser aufgelöst. Dieser Prozess spart im Vergleich zur klassischen Zellstoffproduktion nach Herstellerangaben bis zu 99 % Wasser und bis zu 97 % Energie bei der Faseraufbereitung. Zusätzlich lassen sich durch regional verfügbare Grasquellen Transportwege und damit CO₂-Emissionen reduzieren. Graspapier ist uneingeschränkt als Altpapier recycelbar; für eine Zertifizierung nach DIN EN 13432 (Kompostierbarkeit) reicht der kompostierbare Anteil im fertigen Haftetikett inklusive Kleberschicht jedoch in der Regel nicht aus, da die Norm 90 % kompostierbare Bestandteile fordert und ein typisches Graspapier-Etikett nur etwa 81 % erreicht.
Im Etikettendruck wird Graspapier als Facestock, also als Obermaterial für selbstklebende Haftetiketten, eingesetzt. Typische Grammaturen im Etikettenbereich liegen zwischen 85 und 95 g/m². Als Klebstoffe kommen Dispersionsacrylat-Klebstoffe sowohl für permanente als auch für ablösbare Anwendungen zum Einsatz, wobei bestimmte Varianten für den direkten Lebensmittelkontakt zugelassen sind. Graspapier-Etiketten werden als FSC®-Mix-zertifiziert angeboten. Bedruckt werden kann das Material mit gängigen Verfahren wie Laserdruck, Flexodruck oder Digitaldruck; auch Heiß- und Blindprägung sind möglich. Drucker müssen dabei auf höheres Papiergewicht eingestellt werden, da Graspapier voluminöser und steifer ist als normales Offsetpapier. Folienkaschierung ist bei bestimmten Qualitäten nicht möglich und muss in der Produktplanung berücksichtigt werden. Die raue Oberfläche kann zudem beim handschriftlichen Beschriften leichte Einschränkungen mit sich bringen, während maschinell gedruckte Inhalte scharf und gut lesbar bleiben.
Typische Anwendungsbereiche sind Etiketten für Lebensmittel und Getränke, Kosmetik und Naturkosmetik sowie Verpackungen für ökologisch positionierte Produkte. Die natürliche Haptik und Optik des Materials unterstützt die Markeninszenierung von Bio- und Premiumprodukten, ohne dass es dafür aufwendiger Veredelungen bedarf. Für Etikettendrucker bedeutet der Einsatz von Graspapier in der Praxis kaum veränderte Prozesse gegenüber anderen matten, ungestrichenen Haftpapieren, erfordert aber eine sorgfältige Prüfung der Weiterverarbeitungsoptionen sowie der jeweiligen Zertifizierungsanforderungen des Endprodukts.